Was ist Hochsensibilität (HS)?

 

Eine Modeerscheinung? Eine neue Dimension des Mensch-Seins oder schlicht die Entschuldigung, nicht voll im Leben stehen zu können? Nein, HS ist eine neuronale Disposition, also eine ererbte Veranlagung. Sie betrifft 15 bis 20 Prozent aller Menschen und auch andere Lebewesen. Das Nervensystem nimmt Informationen und Stimulationen feiner wahr und verarbeitet sie intensiver als beim Rest der Menschen. Lärm erscheint lauter, Schaufenster bunter und voller, Licht greller, die Stimmungen anderer Menschen intensiver. Andererseits nehmen hochsensible Personen (HSP) auch mehr Details wahr, erkennen Probleme oder Zusammenhänge schneller, sind oft perfektionistisch und gerechtigkeitsliebend. Der Begriff “Hochsensibilität” sorgt im deutschsprachigen Raum immer wieder für Irritationen, vor allem das Wort sensibel. Oft erhalte ich auf die Bezeichnung “hochsensibel” die Antwort: ”... aber sensibel sind wir doch alle irgendwie!” Richtig, soweit es um Sensibilität im Sinne von Mitgefühl und Empathie geht. Im Englischen wird jedoch von der High Sensitive Person gesprochen, also einer sensitiven Person. Sensitivität steht hier für die neuronale Empfänglichkeit, das heißt die Empfänglichkeit sämtlicher Sinne, mit denen wir wahrnehmen können. Eine überempfindliche Haut (kratziger Pullover) gehört genauso dazu wie die Wahrnehmung feiner Schwingungen, Energien oder Emotionen.

 

 

Das rechte Maß finden

 

Die Aufnahme der Reize geschieht größtenteils unbewusst. Allerdings können wir Betroffenen die Fülle der wahrgenommenen Stimulationen sehr wohl an unserem Wohlbefinden spüren. Habe ich “zu viel” aufgenommen, also nicht rechtzeitig meine Grenzen gesetzt, fühle ich mich schneller überlastet, gereizt oder erschöpft. Das liegt aber nicht daran, dass ich als HSP nicht belastbar wäre. Es ist allerdings so, dass dann, wenn aufgrund der viel offeneren Kanäle der Hochsensiblen deutlich mehr Informationen ins Nervensystem gelangen, das System natürlich auch mehr Zeit braucht, diese ganzen Informationen zu verarbeiten. Stellen Sie sich vor, Ihre Nachbarin kommt mit einer Tüte vom Einkauf zurück, Sie mit fünf Tüten – wer hat mehr auszupacken und einzuordnen?
Die große Herausforderung für HSP ist daher die “Suche” nach dem individuell richtigen Maß der Stimulation (gehe ich zur Party oder nicht?). An diesem persönlichen Maß der ausgewogenen Stimulation, der sogenannten Komfortzone, gilt es die eigenen Lebensbedingungen auszurichten. Dies kann leicht zu Konflikten mit Partnern oder KollegInnen führen, da diese das Bedürfnis nach Ruhe oder Regeneration unter Umständen gerade nicht nachvollziehen können.

In unserer reiz-vollen Leistungskultur brauchen wir HSP dringend Ruhephasen und Auszeiten, um das schnell stimulierte Nervensystem wieder zu entlasten. Mit dem spirituellen Wissen kamen Entspannungsmethoden wie Yoga, Meditation oder Tai Chi nach Europa. Sie sind hervorragend zum Entspannen und Beruhigen des feinfühligen Nervenkostüms einer HSP geeignet. Ein weiterer Vorteil dieser Methoden: Sie sind inzwischen vielerorts anerkannt! Hochsensible haben dadurch einen akzeptierten Rückzugsraum und müssen keine Ausreden mehr erfinden, um sich die benötigten Ruhephasen zur Regeneration zu gönnen.